Global Health – Mehr als Medizin und Technologie

Global Health – Globale Gesundheit – steht heute weit oben auf der internationalen politischen Agenda. Vor allem die deutsche Bundesregierung und insbesondere das Kanzleramt haben dem Thema Global Health in den letzten Jahren zunehmende Aufmerksamkeit gewidmet und dazu beigetragen, dass es auf vielen internationalen Konferenzen einen prominenten Raum einnimmt. Das ist eine unmittelbare Folge der weitgehenden Globalisierung aller Lebensbereiche, also der zunehmenden internationalen Verflechtung vor allem der Wirtschaft, Politik, Kultur, Umwelt und Kommunikation zwischen Individuen, Gesellschaften, Institutionen und Staaten. Sie bringt für einen wachsenden Teil der Weltbevölkerung erhebliche Veränderungen der Arbeits- und Lebensbedingungen mit sich, führt zu wachsenden Belastungen von Umwelt und Klima, schürt bewaffnete Konflikte um natürliche Ressourcen wie Wasser und Bodenschätze, befördert den Tourismus für die einen und den Migrationsdruck für die anderen und vertieft die sozioökonomischen Gräben in und zwischen Ländern.

Mit der Bedeutung nimmt auch die Wahrnehmung der weilweiten Verbindungen und der Herausforderungen im Zusammenhang mit der Gesundheit der Menschen zu. Das vergleichsweise neue Konzept Globale Gesundheit bezieht sich auf die Gesundheit von Menschen jenseits von Ländergrenzen, verfolgt eine explizit transnationale und universelle Perspektive und unterscheidet sich von „Internationaler Gesundheit“ insbesondere durch die Berücksichtigung der globalen gesundheitsbezogenen Herausforderungen

Global Health ist ein komplexer Sammelbegriff, der zwar erheblich an Bedeutung gewonnen hat, aber bis heute keine eindeutige Verwendung erfährt. Das gängige, im politischen Raum vorherrschende Verständnis von Global Health wird allzu häufig der gebotenen Komplexität nicht gerecht und weist konzeptionelle Beschränkungen auf. Der herrschende Global-Health-Diskurs erfüllt vielfach weder den implizit mit dem Begriff „global“ verknüpften Anspruch auf Universalismus noch die Erfordernisse einer umfassenden transdisziplinären und ressortübergreifenden Gesundheitspolitik. Zur praktischen und theoretischen konzeptionellen bzw. begrifflichen Klärung des aktuell vielbeachteten Themas Global Health veröffentlichte der AOK-Bundesverband zwei Beiträge von Jens Holst, der an der Hochschule Fulda die neu eingerichtete Professur für Medizin mit Schwerpunkt Global Health innehat. In der Januar-Ausgabe 2019 des Monatsmagazins Gesundheit und Gesellschaft (G+G) zeigt er an Hand der besorgniserregenden Antibiotika-Resistenzentwicklung – siehe hierzu auch den Beitrag Antibiotika-Resistenzen – Eine globale, vielschichtige Herausforderung auf dieser Website –  die Bedeutung von globaler Gesundheit bzw. globaler gesundheitsbezogener Zusammenhänge auf. Eine erfolgversprechende Strategie zur Eindämmung der zunehmenden Multiresistenzen von Krankheitserregern darf sich nicht auf die Human- und Tiermedizin beschränken, sondern muss auch grundlegende Fragen der landwirtschaftlichen Produktion, der Arbeitsbedingungen und der Handelspolitik einbeziehen, sich mit der Steuerung transnationaler Konzerne und einem politischen Ausgleich globaler Machtasymmetrien Machtasymmetrien befassen und grundlegende Governance-Fragen beantworten. Der Beitrag Resistenzen ohne Grenzen, der als HTML-Version und als PDF zur Verfügung steht, verweist dabei auf die unverzichtbare Bedingung einer konsequenten Health-in-All-Politik für eine nachhaltige Lösung der drängenden Resistenz-Problematik und stellt zudem ein Glossar mit Begriffsbestimmungen relevanter Termini wie primärer, globaler, internationaler und öffentlicher Gesundheit und von „one health“ bzw. „health in all“ zur Verfügung.

Eine explizite Begriffsbestimmung von Global Health enthält der zweite Betrag von Jens Holst, der in der April-Ausgabe 2019 der G+G Wissenschaft, der Wissenschaftsbeilage von Gesundheit und Gesellschaft, erschien. Er beschreibt und analysiert die Entstehung und historische Entwicklung des Begriffs Global Health und setzt sich kritisch mit unterschiedlichen Auslegungen, Strömungen und insbesondere mit der selektiven, verengten Sicht auf globale Gesundheit auseinander und nimmt Bezug auf die Forderung nach der Dekolonialisierung von Global Health. Gerade die in Medizin, Politik und Wirtschaft vielfach anzutreffende Verkürzung globaler Gesundheitsfragen auf biomedizinische und technologische Lösungsansätze und der Fokus auf einkommensschwächere Länder im Sinne von International health wird dem Thema Globale Gesundheit nicht hinreichend gerecht. Vielmehr ist Global Health die konsequente Weiterentwicklung von Public Health als inter- bzw. transdisziplinäre Wissenschaft mit systemischer Sichtweise auf die globalen gesundheitlichen Herausforderungen. Der Artikel Global Health – Hope oder Hype? versteht sich als Diskussionsbeitrag für die Deutsche Plattform für Globale Gesundheit, für die Politik und für interessierte Fachkreise innerhalb und außerhalb Deutschlands.

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